Banksy – der Rächer der Verzagten wird noch gebraucht!

TIM SOMMER, CHEFREDAKTEUR chefredaktion@art-magazin.de

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

als die Nachricht von Banksys Enttarnung durch drei Reuters-Journalisten um die Welt ging, erntete sie bei mir nur ein kühles Schulterzucken. Robin Gunningham, war der Name nicht schon ewig bekannt? Und wen interessiert das eigentlich noch? Banksy, war das nicht vor 20 Jahren das heiße Street-Art-Ding? Bis dann in einer Redaktionskonferenz mit Kollegen aus anderen Ressorts jemand (weit Jüngeres) mit den Tränen rang, richtig wütend, empört, enttäuscht. Fast, als ob die Spielverderber von der Reuters-Agentur der Welt gerade erklärt hätten, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Da wurde mir Schnösel aus der ART-Redaktion schlagartig klar, welch singuläre Rolle dieser Sprayer aus Bristol in der Kultur der Gegenwart einnimmt.

Gerade durch seine Anonymität hat Banksy geschafft, was keinem anderen Künstler (und das schließt Schriftsteller, Schauspieler, sogar Musiker ein) je so gelungen ist: Er ist eine mythische Gestalt, ein grenzenlos sympathischer Kämpfer für das Gute, ein Symbol für die Freiheit, den Witz und die Kreativität, generations-,länder- und klassenübergreifend eine Identifikationsfigur und Projektionsfläche von einzigartiger Popularität. Oft wurde er zum Robin Hood der Kunst erklärt – und genau so funktioniert das Phänomen: ein schlauer Held voller Tatkraft, Mut und Wärme, dessen Schicksal man gebannt verfolgt – und gleichzeitig ein Kumpel, den man einfach nicht verrät. Banksy, der Rächer der Verzagten, erfüllt ein tief romantisches, fast kindliches Bedürfnis. Er symbolisiert die unerschrockene Aktion, erschafft sichtbare Zeichen gegen das Böse, hinter denen man sich versammeln kann. Und er rettet dabei noch das Schmunzeln gegen jeden Schrecken. Dieser Zauber nimmt gefangen. Wer will da schon wissen, ob sich seine Haare lichten, welches Auto er fährt?

Hat dieser Superheld nun seine Superkraft verloren? Mag sein. Die Welt hätte diese überflüssige »Enthüllung« wahrlich nicht gebraucht. Aber wie beim Weihnachtsmann und manchen anderen Mythen auch: Was bedeutet da schon Wissen? Wenn wir es wollen, lebt Banksy ewig weiter, jeder kann in diese Rolle schlüpfen. Viel Spaß mit unserer Titelgeschichte ab Seite 28.

Es ist nicht unsere erste Titelgeschichte zu Banksy: Schon 2007 erklärten wir den »geheimen Star der Street-Art-Szene«, 2014 war er auf dem Cover unseres Sonderheftes zum Thema.