Venedig-Vorfreude mit leichtem Beigeschmack
LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,





»neolithische Wasserkulte« (Litauen), »zombiehafte Homunkuli« (Taiwan), »Tücken queerer Vaterschaft« (Japan), »Neuroplastizität« (Simbabwe), »unkonventionelle Sexualpraktiken« (Dänemark), »Kommunikation zwischen diversen Arten« (Finnland) – und natürlich die Abenteuer des kleinen Maulwurfs (Slowakei und Tschechien): Als ich eben noch einmal unser großes Defilee der nationalen Venedig-Pavillons durchgelesen habe, wurde mir wieder bewusst, in welcher wunderbaren Abteilung des Weltgeschehens wir uns hier bewegen, was für herrlich exaltierte, selten kostbare, verrückt gemusterte Stoffe bei uns verarbeitet werden! Das meine ich ganz ehrlich, weil es ja wirklich Spaß macht und den Sinn erweitert, sich alle zwei Jahre auf die große Weltentdeckungsreise zu machen, die nur die VENEDIG-BIENNALE bietet.
Und gleichzeitig meine ich es auch ein bisschen ironisch, weil schon auffällt, wie unterrepräsentiert im Moment a) große, etablierte Namen als Protagonisten und b) wirklich dramatische Entwicklungen unserer Zeit als Themen und c) innovative, noch ungesehene formale und technologische Ansätze in den nationalen Pavillons sind. Rechtsruck und autoritäre Tendenzen, neoimperiale Kriege, digitale Überwachung und Datenpiraterie, künstliche Intelligenz, die das Bildererschaffungsmonopol der Künstler endgültig knackt, aber auch alle Sprachgrenzen überwindet? Das alles scheint die Kunst der Gegenwart (bis auf Ausnahmen) jetzt gerade nicht so heftig zu tangieren.
Aber warten wir es ab! Schon der Streit um den, man muss es so sagen, rotzfrechen Schachzug der Putin-Regierung, den russischen Pavillon mit einer Art nepotistischem Festival der Brudervölker (siehe Bericht auf Seite 134) wiederzueröffnen, könnte die Debatte um die neue Weltunordnung doch heftig in die Giardini schwappen lassen. Und vielleicht findet sich ja zwischendrin im Avantgardefestival noch irgendwo ein kühner Erkundungsritt aus der analogen Geschichte in die digitalen Sphären der Zukunft?
Mirja Rosenau und Raphael Dillhof haben federführend für die Redaktion im Vorweg alle Informationen aus Venedig und der Welt akribisch eingesaugt und dann gefiltert, um für Sie die bestmögliche Vorbereitung auf das große Sommerfestival zu bieten. Am 5. Juni erscheint dann auch unser aktuelles Sonderheft, mit dem kompletten Rundgang in Bildern und Berichten, großen Porträts von Georg Baselitz und Lorna Simpson und zwei opulenten historischen Stücken über die schönste Stadt der Welt.
P:S Das labyrinthische Venedig ist vielleicht die letzte Stadt in Europa, in der Handy-Navigation an ihre Grenzen stößt. Nicht aber unsere bewährte Karte zum Heraustrennen in diesem Heft! Viel Spaß beim Erkunden!